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Morphy

Morphy - wie wir ihn nicht kennen

Morphy-Barnes, 1.e4 f6
Stellung nach 1.e4 f6

Der Amerikaner Paul Morphy gilt als einer der besten Schachspieler der Welt. Besonders im historischen Kontext ergibt sich eine klare Überlegenheit seiner Spielweise, da er es verstand das Moment des Entwicklungsvorsprungs wirkungsvoll taktisch umzusetzen.

So überraschte den Autor die folgende Partie, in der Morphy offenbar positionell überspielt wird oder zumindest zu ungeduldig ist. Sein Kontrahent Barnes reizt ihn mit 1. e4 f6.

Dabei sollte Barnes nicht unterschätzt werden. Die Zugfolge 1. e4 f6 soll von ihm auch schon gegen Anderssen angewandt worden sein (und wird inzwischen Barnes-Eröffnung genannt). Er führte wohl auch 1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 g6 in die Meisterpraxis ein (heute als Smyslov-Abspiel im Spanier bekannt). 

Alle Anmerkungen und die Partienotation stammen von Dr. Max Lange aus dem Buch „Das Schachspiel“, erschienen im Jahr 1910 im Verlag Teubner (Leipzig). 

Paul Morphy [gegen Thomas Wilson] Barnes

Gespielt zu London im Juli 1858

[Unregelmäßige Eröffnung]

1. e2–e4 f7–f6

Schwarz gibt damit von vornherein zu verstehen, daß er dem Spiel einen geschlossenen Charakter geben will; denn für die offene Partie wäre der Textzug nicht nur ein Tempoverlust, sondern auch eine Erschwerung der Entwicklung von Sg8. Er wäre also in jeder Hinsicht zu tadeln. Im Sinne der Positionsstrategie müßte man ihm dann einen Wert zusprechen, wenn die Aufstellung des Bauern f6 dazu beitragen könnte, den geschlossenen Typus längere Zeit hindurch aufrechtzuerhalten. 

2. d2–d4 e7–e6
3. Lf1–d3 Sg8–e7
4. Lc1–e3 d7–d5
5. Sb1–c3

Hier macht sich die Wirksamkeit des Bauern f6 dadurch bemerkbar, daß, wenn zur Einengung des Gegners 5. e4–e5 geschieht, die Stellung des vorgerückten Bauern von f6 aus bedroht ist. Trotzdem hätte Weiß wohl am besten 5. e4–e5 gespielt oder wenigstens 5. f2–f3, um auf 5. ...d5xe4; 6. f3xe4 antworten zu können. Nach dem Textzug erlangt der Gegner die Möglichkeit mit dem Se7 den günstigen Posten d5 zu beziehen. Er erhält dadurch freie Bahn für die Bewegung des Lf8, so daß er seine Figuren unbehindert entwickeln kann und im weiteren Verlauf des Spiels vor einer Öffnung keine Furcht zu haben braucht.

5. ... d5xe4
6. Sc3xe4 Se7–d5

Man sieht jetzt, daß Weiß mit der frühzeitigen Aufstellung des Damenläufers auf e3 einen strategischen Mißgriff getan hat; denn auf 7. c2–c4 braucht nun der Sd5 nicht wieder zurückzugehen, sondern kann auf e3 tauschen. In geschlossenen Partien verdient überhaupt die Reihenfolge der Entwicklungszüge besondere Sorgfalt. — Interessant ist noch an dieser Stellung, daß Weiß bedeutend günstiger stände (eben wegen der Möglichkeit c2–c4), wenn er, statt durch 4. Lc1–e3 ein Tempo auszunutzen, etwa den Deckungszug a2–a3 (gegen Sd5–b4 und Lf8–b4+ gerichtet) getan hätte.

7. Sg1–h3

In geschlossenen Partien werden häufig sehr unregelmäßige Entwicklungswege eingeschlagen, was wesentlich dazu beiträgt, daß diese Art von Spielen in jedem Einzelfall ein individuelles Gepräge erhält. Daher rührt wohl auch die Bevorzugung der ruhig strategischen Kampfart durch die modernen Meister.

7. ... Lf8–e7
8. Dd1–h5 +

Ein völlig verfrühter Angriff, der nur zur Verbesserung der schwarzen Stellung beiträgt. Morphy wendet hier sehr zu seinem Nachteil die Prinzipien des Kombinationsspiels (schnelle Entwicklung, baldige Attacke) an.

8. ... g7–g6
9. Dh5–h6 Le7–f8
10. Dh6–h4 Lf8–g7

Weiß hat jetzt glücklich erreicht, daß der schwarze Köngsläufer seine Position wesentlich verbessert hat; denn der Lg7 ist den schwarzen Damenflügelfiguren nicht mehr hinderlich, während er auf e7 der Dame und beiden Springern im Wege stand. Er deckt außerdem mit fast absoluter Sicherheit die Rochadestellung des Nachziehenden.

11. 0–0 0–0
12. c2–c4 Sd5xe3
13. f2xe3 f6–f5!

Ganz dem Charakter des geschlossenen Spiels entsprechend. Schwarz erblickt in dem Besitze beider Läufer (die meist stärker sind als Läufer und Springer oder beide Springer) sowie in der Schwäche des nur durch Figuren zu deckenden Be3 für sich einen Vorteil, der um so reiner und stärker zutage treten muß, je weniger er durch die Kämpfe der daran unbeteiligten Figuren verwischt wird. Deshalb das Angebot des Damentausches. Außerdem ist mit dem Textzug die Möglichkeit eines Angriffs auf die schwache Bauernstellung e3, d4 verbunden (durch eventuelles späteres f5–f4).

14. Se4–g5

Morphy steckt ganz in den Ideen des Kombinationsspiels; sonst hätte er unbedingt jetzt das kleinere Übel des Damentausches gewählt.

14. ... h7–h6
15. Sg5–f3 e6–e5!

Der entscheidende Vorstoß, der die weißen Zentrumsbauern vernichtet. 15. ... g6–g5, worauf Morphy offenbar gerechnet hatte, gewinnt zwar eine Figur, gibt aber dem Weißen erhebliche Angriffschancen gegen den schwarzen König.

16. Dh4xd8 Tf8xd8
17. Ld3–c2

Notwendig wegen der drohenden „Gabel“ auf e4.

17. ... e5xd4
18. e3xd4 Lg7xd4
19. Sf3xd4 Td8xd4

Man beachte hier, dass Schwarz in Vorteil gekommen ist, ohne die Figuren seines Damenflügels zu entwickeln.

20. Tf1–e1 Kg8–f7
21. c4–c5 Lc8–e6
22. Ta1–d1 Sb8–c6

Die in der schwarzen Stellung aufgespeicherte Verteidigungskraft genügte vollkommen, um die von Weiß nach der Eröffnung noch eingeleitete Attacke unter nachträglicher Entwicklung zurückzuschlagen.

23. Td1xd4 Sc6xd4
24. Lc2–a4 g6–g5
25. Te1–d1 Ta8–d8
26. a2–a3 f5–f4
27. Sh3–f2 Sd4–e2 +
28. Kg1–f1 Td8xd1
29. La4xd1 Se2–d4
30. Kf1–e1 Kf7-f6
31. Ke1–d2 Sd4–b3 +
32. Ld1xb3 Le6xb3
33. Sf2–g4 + Kf6–g6
34. g2–g3 h6–h5
35. Sg4–f2 Kg6–f5
36. Kd2–c3 Lb3–d5
37. Kc3–d4 c7–c6
38. b2–b4 Ld5–g2
39. g3xf4 Kf5xf4
40. a3–a4 Lg2–f1
41. Sf2–e4 h5–h4
42. Se4–d2 Lf1–e2
43. Sd2–e4 g5–g4
44. Se4–f2 Kf4–f3
45. Sf2–e4 Le2–f1
46. Kd4–e5 Lf1–d3
47. Se4–g5+ Kf3–g2
48. Ke5–d6 Kg2xh2
49. Kd6–c7 Kh2–g3
50. Kc7xb7 h4–h3

Weiß kann nicht mehr verhindern, daß der h-Bauer nach h1 gelangt und sich dort in eine Dame verwandelt. Der Schluß der Partie bietet ein vorzügliches Beispiel für die Ausnutzung materiellen Übergewichts im Endspiel.

Hier verlassen wir die Abschrift aus vorgenanntem Buch.

Historisch gesehen eine interessante Partie, die aufzeigt, dass damals die Zeit reif war für psychologische Betrachtungen (1. ... f6) und natürlich das Positionsspiel immer mehr Beachtung fand, wie Dr. Lange ausführlich erklärt.

Jan

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